Auszug aus: Das Gesetz des Werkzeugs

Fast immer wenn er einschlafen wollte, lullte er sich mit einer Phantasie ein, die er niemandem verraten durfte. Er stellte sich vor, er sei Hitler, der im Bett lag und so lange schlief, wie er wollte. Seine Leibdiener stand vor der Tür und immer wenn morgens nach ihm verlangt wurde, trat der Leibdiener nahe an den Bittsteller (alle waren Bittsteller) heran und flüsterte: Der Führer schläft! Diese Aussage war mächtiger und wirksamer als jedes Gesetz. Der Schlaf des Führers war heilig, unabänderlich. Ob Armeen eingekesselt wurden, ob der Feind an den Stränden der Normandie landete, ob ein wankender Verbündeter Rat und Aufmunterung suchte – immer war der Schlaf des Führers wichtiger. Es war nicht die Person Hitlers, die ihn faszinierte, es war schlichtweg die Position, die er verkörperte. Unantastbarer Schlaf. Das warme Bett des Tyrannen. Wieso, dachte er sich oft in seinen letzten Einschlafgedanken, war Hitler nicht einfach im Bett geblieben? Woher diese Energie? Wieso sich nicht einfach von der Welt verabschieden und unter der Decke bleiben und sagen: Keitel soll sich heute um die Ostfront kümmern, ich schlaf mich aus! Ehrgeiz war wahrscheinlich der Grund. Immer waren es die Falschen, die ausschliefen und die Falschen, die rastlos aus dem Bett stiegen. Immer setzten sich die Fleißigen durch. Die Faulen blieben unter sich, saßen herum, gründeten keine Religion, keine Unternehmen, erbauten keine Städte. Sie standen ab und zu auf um eine Frau zu schwängern, zu Pissen oder um einen Liter Milch zu kaufen. Es half nichts, es waren die Fleißigen, die Bomben bauten und es waren die Faulen, auf die Bomben fielen: Bumbumbum.

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Gespräche mit Geistern – Klaus Kinski

Manche Menschen muss man einfach interviewen, auch wenn sie bereits tot sind.

kjg

Herr Kinski, schön, Sie zu hören.

(leise) Ja, wieso denn?

Vor allem weil Sie tot sind.

Tot, ja?

Durchaus, oder?

Was wollen Sie jetzt hören?

Eigentlich müsste man die Frage nicht stellen, stimmt.

Ja, ahaaa! Eigentlich müsste man sie nicht stellen! Aber Sie stellen Sie, nicht wahr? Und was soll ich dazu jetzt sagen?

Sagen Sie doch einfach: Ich bin tot.

Wie das schon klingt!

Nicht gerade erbaulich.

Das ist doch jetzt auch gar nicht das Thema. Bin ich tot ? Bin ich nicht tot ? Sind Sie tot? Sind Sie nicht tot ? Sind wir beide tot ? Ist Jesus tot ? Ist die Revolution tot ? Trinkt Trotzki Schnaps mit Marilyn Monroe?

Eine amüsante Vorstellung.

Finden Sie witzig?

Nicht unbedingt zum totlachen, aber amüsant.

Sagense das nochmal!

Nicht unbedingt zum totlachen, aber amüsant.

Das haben Sie doch extra gesagt, um mich zu beleidigen. Nicht zum totlachen! Weil ich tot bin, ja?

Nein, das war eher eine Redewendung.

(streng) Da müssen Sie aber sehr gut aufpassen hier, die Leute hier sind empfindlich bei solchen Sachen. Da kriegen Sie ganz schnell einen Riesenärger, wenn Sie hier solche Sachen bringen, das kann ich Ihnen aber sagen.

Sie meinen, die Menschen im Jenseits, hören ungern, dass sie tot sind?

Jetzt fängt er wieder an. Habe grade gesagt: Sie müssen vorsichtig sein, verdammte Scheiße, wenn Sie solche Sachen hier in den Äther blasen. Aber das ist Ihnen einfach egal, oder, oder sind Sie zu dumm, oder zu blöd. So blöd kann ja eigentlich keiner sein. Dass er das nicht begreift, dass er da gefälligst ganz, ganz zart und leise zu sein hat und nicht sein Maul aufreißt und sagt: Ihr Idioten seid alle tot!

Entschuldigen Sie, war nicht meine Absicht.

Nicht ihre Absicht ! Ja, was war denn dann Ihre Absicht ? Wenn Sie sagen: Herr Kinski, Sie sind doch tot, oder? Dann war es nicht Ihre Absicht, es mir unters Maul zu reiben, dass ich nicht mehr auf der Welt rumrenne? Im Gegensatz zu Ihnen, leider.

Vielleicht fangen wir nochmal an.

Nochmal!

Wie geht es Ihnen?

Bin ruhiger geworden.

Ja?

Oh ja. Weil nicht mehr so viele Idioten um mich sind. Die sind hier nicht, die sind alle ganz woanders, das ist schön (fröhlich).

Denken Sie, Werner Herzog wird auch mal zu Ihnen kommen?

Wieso Herzog?

Er war der Regisseur Ihrer erfolgreichsten Filme, Ihr liebster Feind.

Ja, ich weiß, wer Herzog ist, das müssen Sie mir nicht erklären! Aber den kenn ich doch gar nicht richtig. Und was heißt: Liebster Feind! Was ist das für eine idiotische Anmaßung. Als ob ich tausende und abertausende Feinde gehabt hätte und gerade er, als Anfänger, als Schnösel, gerade der soll mein liebster Feind gewesen sein! Den habe ich gesiezt, diesen Herren! Und seine Frau auch. Die wollte ihn vor mir beschützen, bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo. Da habe ich zu ihr gesagt: Sie haben hier keine Funktion, meine Liebe! So wie ich mit Ihrem Mann rede, so redet man im Theater jeden Tag miteinander, so habe ich auch mit Brecht geredet und der war froh über meine Ideen.

Herzog sagte, dass Sie mit ihm zusammen Ihre Autobiographie geschrieben habe. Dass Sie mit ihm unter einem Baum saßen und in einem Lexikon geblättert hätten. Auf der Suche nach Kraftausdrücken, mit denen Sie die Leser bedienen wollten.

Dumme Sau.

Bitte?

Die Dumme Sau! Als ob ich mit diesem Wicht auf einem Baum sitze und in einem Lexikon Kraftausdrücke suche. Was ist denn das für eine hirnrissige Idee! Gehen Sie mal, holen Sie mal ein Lexikon und suchen Sie nach Kraftausdrücken, am besten mit Werner Herzog! Der kommt hier sicher nicht rein. Der war ein Sadist. Eine Null und ein Groupie!

Werner Herzog war ein Groupie von Ihnen?

Aber natürlich! Hatte viele männliche Groupies, die waren doch ganz geil auf mich. Und Herzog war auch so einer, und auch viele männliche Interviewer. Deswegen hab ich irgendwann gesagt: Schickt mir nur noch Frauen zum Interview, dann muss ich wenigstens kein Dings tragen..kein…Dings…

Kein Toupet?

Nein, Idiot! Kein..das, was man sich da vorne sich hinsteckt! Kein Suspensorium, meinte ich.

Vielleicht haben diese Männer, wie Herzog, gespürt, dass Sie Liebe brauchen.

Wer?

Sie.

Ich, dass ich Liebe brauche?

Das war ja auch der Titel Ihrer Autobiographie.

Das weiß ich doch, unterbrechen Sie mich nicht immer. Ja, ich brauche Liebe, immer noch, aber nicht von irgendwelchen halbschwulen Typen! Deswegen bin ich nie zu Fassbinder, der hätte mich doch nur fürs Bett gewollt. In so einem dünnen, durchsichtigen, ganz, ganz weichen und weißen Nachthemd. Und dann wäre er, wie so ein Vampir durchs Zimmer und hätte mich betatscht. Da hab ich mich immer ferngehalten. Mich wollte der eine, der Berling (* Peter Berling, Filmproduzent) ja unbedingt für Fassbinder haben, dass ich mit dem drehe. Ich sollte bei, bei…Baal den Baal spielen. Aber der hatte auch kein Geld, nur für sich selbst höchstens. Und den anderen Idioten hat er dann seine zusammengeschissenen Filme als große, neues Deutsches Kino verkauft. Beim Tennis wollte mich Berling becirpsen: Komm zu Fassbinder, der macht was ganz Neues aus dir, hör doch mit diesen Drecksfilmen auf !

Berling meinte in einem Interview, Sie wären ein miserabler Tennisspieler gewesen.

Wie?

Ja, schlimmer noch als er selbst.

(wird lauter) Jetzt geht’s aber los! Schauen Sie Berling mal an und Fassbinder! Die würden doch nicht mal als Balljunge auf den Tennisplatz kommen. Ich hab hervorragend Tennis gespielt!

Lassen wir das mal so stehen.

Wieso lassen wir das stehen? Das lassen wir nicht stehen. Ich habe gegen Berling und Fassbinder Tennis gespielt und war ein großartiger Tennisspieler, ich hätte Profi werden können. Der Adorf hat mir seine Tennislehrerin geliehen. Einen Tag lang!

Nur einen Tag?

(halblaut) War keine schöne Frau. Hab zwar mal gesagt, dass alle Frauen schön sind, aber da war ich gerade sehr auf Harmonie aus, so was brauche ich.

Die Tennislehrerin von Mario Adorf war keine schöne Frau?

Wieso wiederholen Sie das immer so stupide? Das weiß doch der Leser, was ich sage. Auch wenn sie nicht, wie so ein kleines Äffchen alles nachplappern.

Pardon.

Ich habe bei Interviews immer gefragt: Ist es eine schöne Frau, die mich interviewt? Hätte ich Adorf wegen der Tennislehrerin auch fragen sollen, aber der war ein Snob. Unerträglich. Grässlich. Immer auf fein gemacht. Dann war ich mal essen, mit Adorf, Berling und dem einen Wiener, der immer so säuft…der Dings…

Helmut Berger?

Nein, mit dem wäre ich nie in ein Restaurant, der war völlig verrückt.

Lustig, dass Sie das sagen.

Wie, dass ich das sage?

Sie waren doch selbst ein Enfant Terrible.

Aber doch nicht so! Ich hab doch keinem untern Tisch gepisst! Das hat der Berger sehr wohl! Und im Film hat er sich dann immer wie eine stilvolle männliche Nutte aufgeführt. Dabei brauchte man bei dem ein Ding…

Ein Suspensorium.

Allerdings!

Was war jetzt bei Ihrem Abendessen mit Adorf, Berling und…

Weiß nicht mehr wer noch dabei war. Auf jeden Fall wollte mich Adorf vergiften. Weil er neidisch war.

Auf Ihr Tennisspiel?

Sehr witzig! Auf mein Genie als Schauspieler war er neidisch. Der Adorf war doch eine ganz, ganz kleine Nummer. Der sollte ja eigentlich den Fitzcarraldo spielen, bei Herzog. Die beiden hätten gut zusammengepasst. Aber so dumm war nicht mal Herzog, dass er nicht erkannt hat, dass Adorf eine totale Fehlbesetzung war. Dem fehlte das Feine, das Zarte! Und das hat er gespürt, der Hanswurst! Ich sitze also mit Adorf und Berling am Tisch und ein Kellner kommt mit irgendwelchem Fraß an und Adorf sagt zuckersüß: Bedienen Sie doch den Herrn Kinski zuerst.

Und dann?

Und dann bin ich aufgestanden und hab ihm die Meinung gesagt, dass ich mich von einem Schmierenkomödianten und einem Fassbinderzuhälter nicht vergiften lasse! Dass er seine Scheiße selbst fressen soll und dran verrecken soll und dann bin ich raus gerannt und eine Stunde am Tiber entlanggelaufen und hab mir die Seele aus dem Leib geschrien und geweint.

Aber Adorf können Sie doch nicht als Schmierenkomödianten abtun. Er hat Karriere gemacht, ist der beliebteste Schauspieler Deutschlands.

(erbost) Das bin immer noch ich. Oder meinen Sie, in 100 Jahren wird sich irgendeine dumme Sau ein Interview von Adorf anschauen und denken: Der war geil.? Nein, eben nicht! Und von den anderen, die heute Schauspieler sind, erst recht nicht. Weil keiner sich traut das Maul aufzumachen, weil sie alle wie kleine Konfirmanden ärschlings vor den Produzenten kriechen und weil ihnen ihre PR-Zuhälter die Antworten im Interview diktieren. Das hab ich nie gebraucht, nie! Ich habe gefickt, gestritten, gekokst, gespielt. Da gabs keine Grenze. Ich musste ja lachen, nein weinen, wegen so viel Scheiße. Als dieser eine der jetzt gerade bei Euch mit seinem Paukerfilm so beliebt ist, der Roy Black, als der sich mit dem nuschelnden Tatort-Idioten geprügelt hat.

Roy Black ist schon lange tot, er starb kurz vor Ihnen.

Is gar nicht wahr! Idiot! Ich hab ihn doch gesehen. Kriegt so eine halbe Ohrfeige in die Visage und was macht er, wie reagiert er?

Sie meinen Elyas M´ Barek!

Egal, was hat der gemacht? Er hat gesagt: Ich habe nicht zurückgeschlagen, weil der Dings…weil der Vater ist und weil das nicht mein Niveau ist. Das hätte der mal bei mir machen sollen, dem hätt ich aber eins in die Fresse gegeben. Von mir aus hätte der der Vater von einem Hurenhaus sein können, dem hätt ich die Fresse poliert und ihm die Nase abgebissen. Das hätt er sich bei mir nich getraut! Aber heute muss bei euch ja alles ganz, ganz brav und lieb sein und ganz beherrscht. Ich hätte da eine Peitsche genommen und sie dem Typ in die Fresse geschlagen, das hätt ich getan!

Schade, dass Sie tot sind.

(leise) Find ich auch.